Wissen
20.09.2010
ES scheint ein menschliches Grundbedürfnis zu sein, auf alles eine Antwort geben zu können.
Tatsächlich aber ist der Mensch nicht so konzipiert, dass er tatsächlich auf alles eine Antwort parat hat, zumindest keine, die tatsächlich Sinn ergeben würde. Das scheint soweit auch jedem klar zu sein. Und doch bemüht sich jeder, schnell und überzeugend zu antworten. Hauptsache, grammatikalisch richtig, der Inhalt ist scheißegal. Denn offensichtlich kann man sich nicht die Blöße geben, weniger bzw. gleich wenig zu wissen wie jener, der eine Frage stellt.
Tatsächlich passiert es selten, dass ich eine Frage stelle. Ich antworte lieber. Für Fragen bin ich 1. Zu stolz und 2. Zu schlau. Leider stehen mir diese beiden Adjektive auch manchmal etwas im Weg. Vor allem 1. Dies führt letzthin immer häufiger zu unschönen Szenen… meist sind es Touristen, die mich nach dem Weg fragen. Oder nach den Bergen. Oder auch einfach nur nach Lokalen. Natürlich kenne ich darauf NIE die Antwort, dazu bin ich dann eben zu ignorant. Ich erfinde dann etwas, schaue überzeugend drein, spreche klar, bestimmt und grammatikalisch richtig. Richtig blöd wurde es dann, als die Frau des armen Touristen, den ich grad Richtung Norden statt Westen geschickt hatte, meinte: „Aber Gerd, das kann ja nicht sein. Google Earth zeigt die andere Straße an.“ VERDAMMT. Mein grammatikalisch korrektes: „Genau, diese Straße meinte ich eben. Einfach immer da lang.“ bezweifelten sie offensichtlich und konsultierten ausgiebig ihr App.
Das macht’s mir in Zukunft sehr schwierig, mit Mitmenschen zu kommunizieren. Ich neige dazu, 2 . raushängen zu lassen:“ Ach, die Frage um die Atomkraft in Deutschland? Ich erklär dir das kurz“; „Berlusconi hat mal eben 100 Mio. für die Milan springen lassen“ oder „Schau dir die Zirrushäufung an; offensichtlich kommt bald Regen.“ Weiß ich was Zirrushäufungen sind? Ich weiß noch nicht mal, ob man Zirrushäufungen so schreibt? Nur – wer sonst kennt schon Zirrushäufungen? Außer Kachelmann? Wie sich die Wolken wo häufen, davon hat doch keiner eine Ahnung. Und jeder glaubt mir aufs Wort. Nur kommen jetzt die Superschlauen, googlen mal eben auf ihren IPhones und lassen mich dastehen wie den Ochs vorm Berg.
Ich leide darunter. Sehr. Jeder weiß alles und mindestens gleich viel wie ich.
Neulich kam der Briefträger und fragte mich, wo die Messnerstrasse 4 sei. Hinter der Tankstelle die zweite rechts, dann nach 40 Metern nochmal rechts. Könne er nicht verfehlen. Ich war so glücklich, jemandem helfen zu können. Vom Fenster aus sah ich, wie er im Navi eine Adresse eingab: Messnerstrasse 4. Gerade aus, dann links.
Ich vermisse die schöne alte Zeit, als es noch keine Handys gab...