Wähl noch mal, Schorsch
31.10.2008
Sonntagmorgen, kurz vor elf.
Mich dürstet nach einem dreifachen Espresso, wenn ich die Schlange vor der Wahlkabine sehe. Den Espresso am besten mit Schuss, wenn ich mir die Kirchenchorweiber so anschaue, zwischen denen ich grad hänge. Die meisten von denen sind eindeutig der Wahltyp:
„Ich bin dumm und steh dazu". Sie kaufen das ganze Jahr im gleichen Laden ein und merken dabei nie, dass man sie beim Schinkenpreis immer bescheisst. Dafür zählen sie beim Pakistani in der Tabaktrafik das Wechselgeld genau nach, wenn sie für ihre Männer die Marlboro kaufen. Die Frauen der „Ich bin dumm und steh dazu“-Fraktion fragten morgens ihren Mann, wen sie denn nun wählen sollen und bemühen sich, den Namen der Partei nicht zwischen Frühstückstisch und Wahllokal zu vergessen. Männer dieser Fraktion sind mir nicht bekannt, die verstecken sich zu gut.
Weitaus ungemütlicher finde ich die
„Ich bin dumm und weiß es nicht“ Mitglieder. Leider die am meist - verbreitete Gruppe. Nachdem sie die Namen von drei Politikern monatelang auswendig gelernt haben, rezitieren sie diese ungefragt und überall. Da sie sich häufig zum Leutebeobachten in Kirchen einfinden, würden sie am liebsten von der Kanzel predigen, wie sie denn die Ausländerfrage so sehen. Sie haben ungefähr den Weitblick eines Maulwurfs und den Verstand einer Paris Hilton, aber das Selbstbewusstsein von Putin.
Dazwischen haben wir eine durchwachsene Gruppe, einige denken sich
„ Eh alles Schrott“, nutzt eh alles nichts, wird eh immer blöder.
Dann haben wir die niedlichen
„Erstwähler“; die hoffen, den richtigen Gesichtsausdruck hinzukriegen (sehr, sehr gewichtig, auf ihren Schultern lastet die Verantwortung der nächsten Generationen). Sind sie endlich in der Wahlkabine, sollten sie sich bemühen, nicht samt der Wahlkabine umzufallen (auch das kommt vor, nach einem ordentlichen Kaffee mit Schuss), nicht vier Parteien anzukreuzen und den Vorzugsstimmenkandidat richtig abzuschreiben.
Und ein paar hundertjährige
„Letztwähler“, obwohl man das so nicht sagen sollte.
Dienstagmorgen, kurz vor elf.
Der Espresso ist getrunken, ohne Schuss, der hilft auch nicht mehr. Vor mir die Dolomiten, Wahlmedium #1. Doch selbst der Abstieg der SVP heitert mich nicht wesentlich auf, als ich lese, dass die Freiheitlichen ordentlichen Zulauf haben. Rechts und Links, Rot und Schwarz und dann noch Grün ... Ja sind denn alle wahnsinnig? Oder gilt das „Ich bin dumm und steh dazu“ Denken neuerdings als Hip?!
Dazwischen noch ein Trauernachruf auf Ladurner und Unterberger, den beiden Mädels, die auf ihre feminine Seite setzten und nun den Landtag von außen grüßen. Unterberger meinte dazu verwundert/enttäuscht, es wundere sie schon sehr, nicht mehr gewählt worden zu sein, zumal sie die letzten Jahre tatsächlich auch als Landesabgeordete was gearbeitet hätte.
Ach Julia, irgendwann muss jeder mal wieder ehrlich arbeiten gehen. Einige Politiker lieber früher als später.