Von Trotteln, Idioten & Südtirolern
22.03.2011
Es gibt Situationen im Leben, da steht man dazwischen. Weder rechts noch links, vorne noch hinten, oben oder unten, einfach dazwischen.
Zum Beispiel wenn es um die Namensgebung der Nichte geht (Jaqueline? Yvonne? Stella?), um den Haarschnitt beim Frisör (Färben? Schneiden? Abhauen?), beim Auswählen im Restaurant (Entrecôte mit Kräuterbutter oder Kalbsfilet mit Juliennegemüse?) oder um den neuen Fernseher (Plasma? LCD oder schon 3D?).
Und immer entscheidet man sich für irgendwas. Selbst wenn man sich nicht entscheidet, entscheidet man sich (Erdbeer- oder Himbeerjoghurt? Ich nehme beide) (Handels- oder Handelsoberschule? Im Moment mal gar nichts).
Doch manchmal gibt es Entscheidungen im Leben, die unglaublich schwerwiegend sind. Entscheidungen, die man nicht rückgängig machen kann, wie den Kauf einer Jeans. Manchmal steht man vor Situationen, in denen man am liebsten gar nicht mehr hier sein möchte.
Zum Beispiel wenn man sich innerhalb von 48 Stunden für oder gegen einen neuen Job entscheiden muss. Wenn man einen Namen fürs eigene Kind auswählt (Raquel? Yvette? Mirelle?), oder man sich innerhalb weniger Stunden für oder gegen eine gefährliche Biopsie am Kopf entscheiden muss.
Und es gibt auch Situationen, in denen man keine Orientierung mehr hat, was richtig oder falsch, gut oder böse ist. Es gibt kein Schwarz oder Weiß, Richtig oder Falsch. Man muss seiner Intuition folgen, die jedoch unter einem Korsett aus Regeln, Vorschriften und ungeschriebenen Gesetzen verschüttet ist. Je krampfhafter man nach einer richtigen Lösung sucht, umso weiter scheint sich die optimale Entscheidung zu entfernen. Da kann es vorkommen, dass man in einer überfüllten Diskothek den Freund der besten Freundin mit einer anderen rummachen sieht. Oder man findet Massen leerer Weinflaschen im Müll der Mutter. Vielleicht wird man auch plötzlich von Südtirol1 in einem Interview gefragt, was man vom SuperGAU in Japan hält, ob man für oder gegen Berlusconi ist oder einen Kampfflugeinsatz in Libyen generell befürwortet.
Jeder sucht krampfhaft nach einer schönen, geschliffenen, grammatikalisch korrekten Antwort, der IMMER entweder Kopf oder Fuß fehlt. Meist beides.
Irgendwann, mit dem Erwachsenwerden, haben wir verlernt, uns selbst zu vertrauen. Wir haben aufgehört, die Welt in vielen bunten Farben und Facetten zu sehen, wir halten uns für den Mittelpunkt des Universums und für das Maß aller Dinge. Wir sind selten in der Lage, eine Aussage ohne gleichzeitige Erklärung und Rechtfertigung zu geben, wir kritisieren andere, um uns besser, richtiger, korrekter zu finden. Wer würde uns denn noch für voll nehmen, wenn wir unsere Zweifel, unser Unwissen zugeben würden?
Wir wollen brillieren, und merken gar nicht, dass wir uns selbst dabei disqualifizieren.
Schlägt man die Zeitung auf, liest man von richtigen, nein, richtigeren Wegen, Politik zu machen, Wirtschaft zu betreiben, Filme zu drehen oder überhaupt zu leben. Wir suchen nach Antworten, die wir selbst nicht haben und nach Meinungen, die wir uns selbst nicht bilden.
Denn wir wissen nicht, wie wir es besser machen könnten. Wir können alle Atomkraftwerke abstellen, wie laden wir aber dann die Batterie unseres Laptops auf? Und ganz ehrlich, die alternativen Energien, wer von uns hat denn davon einen blassen Schimmer?
Wir würden Berlusconi abwählen, zu Guttenberg behalten und Sarkozy im Bozner Stadttheater auftreten lassen. Doch wer von uns glaubt, Politik besser machen zu können?
Im Grunde sind wir froh, dass sich andere Meinungen bilden, damit wir sie abkupfern können. Wir müssen uns weder damit auseinandersetzen, dass wir ein Zehntel des Benzinpreises an Gaddafi abtreten, noch müssen wir direkt Stellung beziehen, wenn es um 150 Jahre italienische Einigung geht.
Aber manchmal finden wir uns doch in Situationen wieder, in denen keine Lösungsansätze im Fernsehen oder schlauen Büchern zu finden sind. Eben wenn einem der Freund von seinen Beziehungsproblemen erzählt. Oder sich die Tante die Pulsadern aufschneidet und in der Psychiatrie landet. Wenn der Partner in der Intensivstation liegt oder die Bank das Konto sperrt.
Das sind die Momente, in denen wir plötzlich demaskiert werden und dann merken, dass es weder gut noch böse, weder richtig noch falsch gibt. Wir sind nämlich alle bloß Idioten.
Oder, wie meine Tante Zinta sagte:
„Kuhscheiße und Butter haben die gleiche Mutter!"