Von Geranien und Balkonien
24.07.2007
Mein Urlaubskontingent ist verschwunden. Anfang Juni, im Reisebüro, erklärte ich der Dame mit den vielen Katalogen noch großkotzig, Ägypten und Türkei sei doch nur was für Arme, sie solle mir die Kataloge für Mittel- und Südamerika mitgeben. Tags darauf in der Bank drohte die Situation beinahe zu eskalieren, als mir der Herr hinter dem Schalter mich auf meinen Kontostand und gleichzeitig auf ein günstiges Kreditangebot hinwies.
Seitdem versuche ich mich auf einen erholsamen Sommer im schönen Südtirol zu erfreuen. Unerlässlich dafür: Lesematerial, Sonnenschutz und viel Ruhe.
#1: Lesematerial:
In der Bibliothek meter- ach was, kilometerlanger Stau. Für mich bedeutet das Stress pur, denn in Anwesenheit anderer muss ich den Intellektuellen raushängen lassen, also gibt’s statt Rosamunde Pilcher nur Nietzsche und wissenschaftliche Abhandlungen von Habermas. Nun hat der liebe Gott für solche Fälle wie mich Amazon erschaffen, einfach einloggen, bestellen und warten, bis der Postbote zweimal klingelt.
Für die Zwischenzeit (zwischen bestellen und Postbotengeklingel) decke ich mich mit vielen bunten Zeitschriften (ca. 25) ein und erfahre daraus alles, was ich wirklich nie wissen wollte: wie man mit Perlenketten die sexuelle Lust steigern kann, welcher Karabiner der ideale für Klettertouren ist und, unumgänglich, alle Tipps für einen tollen Urlaub – vom Kofferpacken bis zu Malaria – Nachsorgeuntersuchungen ist alles genau recherchiert. Natürlich gibt es hinter dem großen Urlaubs-spezial von 12 Seiten noch eine 3-zeilige Abhandlung über die armen Würstchen, denen das Urlaubsbudget flöten gegangen ist: „An alle Hartz IV-Empfänger, die diese Zeitung lesen, obwohl sie nicht annähernd zu unserer Zielgruppe gehören: für euch gibt’s, total ausreichend, einen Balkon. Verschwindet von den Parks, den Lidos und den Badeseen, kein Mensch will euch Bleichgesichter jammern hören. Bleibt hinter den Geranien, spielt Urlaub auf Balkonien und spart Geld für nächstes Jahr.“
Würde ich alles gern machen. Nur hab ich keinen Balkon. Noch nicht mal einen angedeuteten. Nicht genug, dass die Wäsche das ganze Jahr verschimmelt riecht, da sie nie richtig trocknet, nein, ich kann noch nicht mal Urlaub auf Balkonien machen. Wobei ich schon das Wort Balkonien ungeheuer dämlich finde. Also ab ins Lido und zum zweiten Kapitel, dem
#2: Sonnenschutz:
Um halb 2 im Schatten eingeschlafen, um fünf in der prallen Sonne aufgewacht. Als körperbewusste Bürgerin habe ich mich ganzflächig eingecremt. Natürlich nicht mit Sunblocker, sondern mit Sonnenöl „für eine heftige Bräune“. Die heftige Bräune präsentiert sich nun, nach mittlerweile 14 Tagen, intensiv vorderseitig, begleitet von juckenden Wasserblasen und abschuppender Haut. Meine zahlreichen Farbnuancen (je nach Schälungsgrad) werden ergänzt von einer leuchtend weißen Fläche, dem Abbild meiner riesigen Sonnenbrille. Das Auftragen von einem schweineteuren, vom Apotheker empfohlenen Doposole dankt meine Haut mit einem zusätzlich juckenden Ausschlag.
Mein Tipp: im Sommer ganzkörper-vermummt oder gar nicht aus dem Haus. Oder für jene, die, wie ich, einen Clown im Rentenalter simulieren möchten: mit Sonnenöl in der prallen Sonne schmoren. Viel Spaß bei der Krebsvorsorge.
#3: Die Ruhe:
Sonnenverbrannt und balkonlos in einer kleinen winzigen Altbauwohnung mit 3 Meter dicken Backsteinwänden, nun, wenn das nicht nach Ruhe und Erholung klingt. Nach einer Woche kenne ich das Programm von 12 Fernsehsendern auswendig, kann die Namen und Sendezeiten der Ö3 und Südtirol1-Moderatoren vor- und rückwärts aufsagen und bin, dank der Lektüre meiner 25 Zeitschriften, thematisch breit gefächert total informiert. Nur Eremiten leben ruhiger als ich. Nun, und ich habe, im Gegensatz zu Eremiten, auch Freunde.
Nur, im Gegensatz zu mir ersparen sich Eremiten die schlechte Laune, wenn schon wieder eine Postkarte von urlaubenden Freunden aus fremden Ländern eintrifft.