Von Eigenurin zu "porco can"
21.01.2010
2009 war an und für sich ein perfektes Jahr. Gut, beruflich liefs nicht allzu glatt. Meine Katze starb mysteriös. Mein Tätowierer schlief während des Stechens ein. Und auch sonst gab es einige kleine Zwischenfälle, doch sonst alles gut. Ich sammle mich am letzten Tag des alten Jahres immer, um Vorsätzlichem Priorität einzuräumen, denn das ist ja das Schöne an Silvester, dass man als Mensch reift, dass man einen gewichtigen Schritt nach vorne kommt im Leben, dass man dazulernt. Man braucht einfach seine guten Vorsätze mit Bedacht wählen. Wer ihnen ab Neujahr mit eiserner Disziplin und für den Rest des irdischen Daseins treu bleibt, wird dafür reichlich belohnt.
Vor drei Jahren habe ich mir vorgenommen, keinen Alkohol mehr zu trinken, keinen Tropfen. Schluss mit den Kopfschmerzen, den dicken Pelz auf der Zunge und den grausamen Erinnerungslücken.
Kein Problem!
Wer braucht schon Alkohol, wenn er zwischen 24 stillen Wassersorten, Sauerkrautsaft, Mulitvitaminmolke und linksdrehender Ziegenmilch wählen kann? Meine Tante meinte doch schon früher immer, für gute Stimmung "auf einer Gesellschaft" reicht eine zünftige Polonaise. Und für den reinen Teint beginne ich jeden Tag mit einem schönen Glas Eigenurin.
Vor zwei Jahren habe ich mir vorgenommen, Italienisch zu lernen. Haha, was? Klar kann ich doch schon, ich kann "porco can", "picobello" und "mavala?". Ich kann Eis bestellen (Stratschiatälla, Notschiola) und über das Wetter diskutieren, doch bei philosophischen Grundsatzfragen scheitert mein tieferer Einblick. Deshalb pflege ich seitdem regen E-Mail-Kontakt mit Brieffreunden in Roma und Napoli, parliere fließend mit dem Pizzaiolo bei Luigi, und bald werde ich Dostojewski selbst ins Italienische übersetzen. Vor einem Jahr habe ich mir vorgenommen, mehr auf Figur und Fitness zu achten. Schluss mit dem schwammigen Profil, den immer längeren Gürteln, dem Luftschnappen nach nur wenigen Treppenstufen.
Kein Problem!
Seitdem laufe ich jeden Morgen um halb sechs 15 Kilometer am Waldrand entlang, turne zwei Mal wöchentlich mit David Kirsch und ernähre mich vegetarisch-probiotisch-fettarm. Meine Freundin sagt, nun sollte ich mir vornehmen, nicht mehr zu lügen.
Kein Problem?
Nun, dann müsste ich zugeben, dass ich zumeist fernsehschauend, biertrinkend und chipsmampfend auf dem Sofa liege, soviel wiege wie noch nie zuvor, der Aufzug mein bester Freund ist, und dass ich außer nach intensiven Zusammenstößen mit Alkohol noch immer nur stockend Italienisch spreche.
Vielleicht sollte ich mir etwas anderes vornehmen.