Vergangenen Samstag...
11.04.2011
Wir haben alle keinen Respekt vor dem Alter, sagt meine Mutter immer.
Die Welt wird an der heutigen Jugend zugrunde gehen.
Ah ja.
Vergangenen Samstag, also am Wochenende, stand ich im Supermarkt in der Warteschlange an der Kasse. Ich hatte: 1 Liter Milch, ein Joghurt, ein belegtes Brot. Gesamtkosten: ca. 3,5 Euro.
Um mich optimal vorzubereiten und die Wartezeit für die lange Reihe der Rentner mit Rollatoren und Hörapparaten nicht unnötig zu verlängern, kramte ich aus meinem Münzfach schon mal das Kleingeld raus. Als ich, Ware links, Münzen rechts, der Omi vor mir beim Bezahlen zusehe, schreit mir direkt eine kratzige Männerstimme liebevoll ins Ohr, ich solle mal Platz machen.
Erschrocken von dem akustischen Überfall drehe ich mich um und blicke einem älteren Herrn, ich schätze, er war um die 70, nach unten durch sein Fischaugenobjektiv namens Brille in sein verträntes Auge.
„Mach doch mal Platz, du! Ich hab nicht den ganzen Tag Zeit“, krächzt er.
„Duzen wir uns?“, denke ich.
Der Einmeterfünfzig-Senior knallte mir zur Unterstützung seiner Worte den voll gepackten Einkaufswagen, der vor Katzenfutter, Joghurtbechern und Ähnlichem beinahe überquillt, in die Hacken.
„Ähm, Entschuldigung“, krächze ich mit unterdrückter Wut aus mangelndem Respekt vor mir, aber dennoch so respektvoll, wie es mir irgend möglich ist, „ich bin bereits am Bezahlen. Das dauert noch höchstens 20 Sekunden.“
Zugegeben, mit 70 können 20 Sekunden auch schon mal die letzten sein. Aber jetzt mal im Ernst, hackts?
„Bitte schön“, gestikuliere ich etwas sarkastisch in die Richtung Herzschrittmacher hinter mir, „jetzt sind Sie an der Reihe“. Hätte ich mal bloß die Klappe gehalten.
In einem 4-Minütigen Monolog verteufelte er die Gegenwart, lobpries die guten alten Zeiten, in denen es so etwas Unverschämtes nie gegeben hätte, und wenn doch, man mich schon längst übers Knie gelegt hätte, um mir die Flausen auszutreiben.
Das Ende der Geschichte? Am nächsten Tag ignorierte ich im Bus eine alte Dame, die auf ihren beiden Krücken in jeder Kurve eine Runde durch den Gang geschleudert wurde.
Seitdem fühle ich mich elend. Ich habe keinen Respekt vor dem Alter. Und die Welt wird wegen mir zugrunde gehen.
Aber eins muss man sagen: der ‚Olte Sekkel‘ im Laden, der hatte keinen Respekt vor der Jugend. Also – wenn die Welt zugrunde geht dann mit Sicherheit auch ein bisschen wegen ihm.