Verfluchte Perfektion
30.01.2009
Wir alle streben natürlich immer danach, uns als das zu verkaufen, was wir genau nicht sind. Wir lächeln grantige Türsteher engelsgleich an, begegnen unfreundlichen Kassiererinnen mit einem Colgate-Lächeln und begrüßen den Diensthabenden Arzt in der Ersten Hilfe in beiden Landessprachen, obwohl uns mit 4 gebrochenen Fingern und ausgerenktem Schultergelenk 113 Minuten nicht erstlich geholfen wurde. Unser Umfeld soll uns perfekt wahrnehmen, unsere Macken gehen uns selbst schon genug auf den Keks. Nun, leider gibt es an jedem von uns Dinge, die sind nicht schön. Es gibt Dinge, die sind wirklich hässlich. Und dann gibt es das, was mir von Zeit zu Zeit widerfährt. Ich behaupte an dieser Stelle nicht, wie sonst so üblich, dass ich nichts dafür kann. Ich plädiere nur für die Einführung eines Tages der ungeschminkten Wahrheit.
Es war schon lange abzusehen, dass meine Fassade bröckeln würde. Ich bin nämlich die geborene Chaotin. Gerne erzählt meine Mutter vor versammelter Kirchengemeinde die Anekdote, wie ich bei meiner Mittelschulprüfung zu verschleiern versuchte, dass ich meinen Pullover verkehrt UND verdreht anhatte, als mir eine Socke, die ich noch morgens verzweifelt gesucht, aber eben nicht gefunden hatte, aus dem Hosenbein rutschte. Weiters beliebt ist der Gag, mich mit einer Tasse heißer Schokolade in der Hand nach der Uhrzeit zu fragen. Wäre die ganze Welt so geschickt wie ich, würden wir noch immer in Höhlen leben und von falsch montierten Ikea-Kästen alpträumen.
Doch es gelingt mir meist, mein Chaos in meine eigenen vier Wände zu verdrängen. Nun kam der Tag als ich umzog. Mein Vermieter, ein älterer Herr, der mir sein Reich überließ, hielt mich für eine patente Person, die (klimabewusst) mit dem Rad fuhr (mein Auto glich/gleicht einer fahrenden Sondermülldeponie) und sämtliche seiner Regeln akzeptierte (ich verstand sein grödnerisches Italienisch ausgesprochen schlecht). Ich unterschrieb, bezahlte die Kaution und wartete, bis er in seinem Sportwagen dorfauswärts fuhr. Dann begann ich, die Wohnung zu demontieren, bis außer besagten Wänden nichts mehr stand. Von seinen prächtigen Ölgemälden bis zu seinen Einbauschränken wurde alles auf den Dachboden gezerrt, Lampenschirme und Elektrogerät schleppte ich in den Keller. Anschließend strich, hämmerte und montierte ich, als würde es um den ersten Preis in „Schöner Wohnen“ gehen.
Kam mein Vermieter hin und wieder mal vorbei, schaffte ich es immer, außer Haus und unabkömmlich zu sein. Nur letztens ging es etwas in die Hose.
Als es klingelte war ich ahnungslos, ich saß gerade mit einer Selbstgedrehten und Müffelsocken vor „Big Brother“, umgeben von einigen Tagen alten Pizzaresten, und genoss das Gefühl der chaotischen Freiheit. „Ciao, ti porto le chiavi. Hai un attimino?“, kam es aus der Gegensprechanlage. „Äähhh, adesso?“ schrie ich etwas zu schrill und versuchte meine Panik zu unterdrücken. Was folgte, war reiner Slapstick: in zwei Minuten zog ich mich um, putzte gleichzeitig die Zähne und etwas meine Wohnung, sprühte mit Deo gegen 3 gerauchte Schachteln Marlboro an, schmiss mein schmutziges Geschirr in den Kühlschrank und die Essensreste auf den Balkon und zwang mich, meine entgleisten Gesichtszüge einigermaßen wiederherzustellen.
Der Versuch, meinen Vermieter im Treppenhaus festzuhalten, scheiterte an seinem Verlangen nach einem Kaffee.
Er übersah großzügig die abmontierten Kastentüren, fragte nicht nach seinen Engelslampenschirmen und ignorierte die Wandbordüren.
Als ich den Kühlschrank öffnete, um ihm Milch für den Kaffee zu reichen, und mir 2 Pfannen und eine Tasse entgegenflogen, wusste ich, dass ich aufgeflogen war.
Ich wurde rot, und der Mann lachte. Dann sagte er: „Lo sapevo.“ Meine Nachbarn hatten ihn auf dem Laufenden gehalten. Und dass seine Wohnung nicht meinen gestalterischen Vorstellungen entsprachen, hatte er sich denken können. Wir mussten beide lachen.
Ich musste ihm versprechen, ihn über weitere Umbauarbeiten auf dem Laufenden zu halten. Und die Pizzareste vom Balkon einzusammeln.
Er meinte außerdem, Ehrlichkeit und Offenheit währt länger. Na ja, seitdem kämpfe ich gegen meinen inneren Schweinehund an. Und wenn ich ihn schon nicht ausrotten kann, sollte er zumindest appetitlich verpackt und gefesselt sein.