Tischmanieren und andere Unsitten
26.03.2008
Meine Mitbewohnerin ist ein echtes Erlebnis - vor allem beim Essen. Sie schafft es selbst unter unmöglichsten Bedingungen, eine riesige Schweinerei aus unserer Wohnung zu machen. Nach dem Essen schaut es regelmäßig so aus, als sei etwas Lebendiges in unserer Küche explodiert.
Sie meint dazu lapidar, dass sie das Essen einfach genießen möchte, sich nicht über Tischmanieren oder ähnlichen Quatsch den Kopf zerbrechen möchte.
Letzte Woche waren wir zu einem Vor-Ostern-Essen eingeladen. Ich machte mir so meine Gedanken, hoffend, dass es nichts Bröselndes, Klebendes oder Tropfendes gibt, denn das würde für unsere Gastgeber aufwendige Renovierungsarbeiten bedeuten. Nun, es gab Häppchen, Fingerfood. Nichts Bröselndes, Klebendes oder Tropfendes. Als wir uns verabschiedeten, bemerkte ich, dass ein Stück Baguette an ihrem Ohrring hin, während die Tomatenstücke in ihrem Haar klebten. Ich verstehe nicht, wie sie es schafft, Essensreste überallhin zu verteilen. Neulich kochten wir Pasta, und noch ehe die Nudel „al dente“ waren, entdecke ich Tomatensauce auf der Maus meines Computers im Arbeitszimmer.
Gemüsebeilagen quietschen in meinen Schuhprofilen vor sich hin, aber wie sie ein Stück Tortenrest - von dem sie nebenbei steif und fest behauptet, es aufgegessen zu haben - an den Rahmen eines Bildes kriegte, verstehe ich immer noch nicht. Sie hingegen kriegt regelmäßig einen Koller, wenn ich mit meinen Essregeln komme. Besteck soll symmetrisch zueinander und zur Tischkante liegen, Gläser abgestimmt zur Messerspitze eingedeckt werden. Servietten müssen akkurat auf dem Schoß platziert werden. In ihrem Fall rate ich zwar zum „Lätzchen“, aber na gut.
Ich benutze Messer und Gabel, während sie den Teller ausleckt, wenn sie glaubt, ich würde sie nicht sehen. Ich schneide sogar belegte Brote in kleine Stücke, denn ich weiß sehr wohl, wie dämlich es aussieht, wenn man den Schinken nicht abbeißen kann und einem die komplette Scheibe an den Hals klatscht. Oder man beißt freudig in einen Burger und tropft sich hinten die Sauce in den Ärmel.
Sie hingegen findet das alles als einen natürlichen Teil des Essprozesses, was es nicht einfach macht, wenn wir eingeladen sind. Man will keinen schlechten Eindruck hinterlassen, was schwierig ist, wenn man jemandem mithat, der sich sogar mit einem Butterbrot beim Frühstück die Wangen einbuttert.
Natürlich beherrschen wir in der Zwischenzeit einige Tricks und Techniken, um den Schaden möglichst gering zu halten. Vorspeisen wie Suppen oder Salate mit reichlich Dressing vertilge ich in Höchstgeschwindigkeit, um ihres gegen mein leeres austauschen zu können. Hin und wieder flüstere ich ihr etwas zu, um unauffällig Fleischstücke von ihrer Schulter zu klopfen oder sie auf Reiskörner im Dekollete aufmerksam zu machen. Nachspeisen wie Schokopudding sind mein größter Alptraum, gegen so was helfen noch nicht mal meine für Notfälle reservierten Feuchttücher.
Nach Schokopudding hilft nur mehr unauffälliges Verschwinden.
Ich suche zuerst noch mal die Toilette auf, um größere Essensstücke und herumliegendes Besteck unauffällig Verschwinden zu lassen. Um dann, beim Abgang von meiner bekleckerten Mitbewohnerin abzulenken, frage ich noch mal enthusiastisch:
„Habt ihr eigentlich meine letzte Kolumne gelesen?“
Darauf versenken meist eh alle ihr Gesicht in ihrem jeweiligen Teller, sodass uns beiden ein würdiger Abgang möglich ist.