Nackte Wahrheit
10.06.2010
So langsam ist der Sommer da. Die Temperaturen steigen, die Hüllen fallen. Mit den fallenden Hüllen kommt leider nicht nur hübsches, knackiges zum Vorschein. Entblößt wird alles, ohne Rücksicht auf Verluste. Je transparenter, desto detaillierter der Einblick. Das gilt nicht nur für Kleidung, das gilt leider auch für die Politik. Sparpakete, Rücktritte, Staatsaffären, Ströme von Schmiergeldern... oder ist es das Alter, das uns so kritisch, verdrossen, nein, sogar zynisch werden lässt? Der Bürgermeister, der uns vor ein paar Jahren noch eine Brezel in der Bäckerei spendiert hat, lässt sich zu gern auch den Urlaub in Dubai von einem Bauunternehmer spendieren. Unser gewichtiges Landesoberhaupt ließ nicht nur uns bei seinen Besuchen vor Erfurcht erstarren, auch eventuelle politische Mitkonkurrenten halten sich seit Jahrzehnten in sicherer Distanz.
Berlusconi, Koch, Obama, politische Minenfelder, wo man hinblättert, liest sich nur gräuliches.
Ist Transparenz wirklich immer ein Fortschritt? Hätten wir nicht schon bei entblößten Arschgeweihen wissen müssen, dass weniger manchmal mehr ist? Müssen wir Berlusconis minderjährige Häschen halbnackt in seiner Villa hüpfen sehen? Beruhigt es uns, zu wissen, dass manch Österreichische Politiker sehr offen antisemitischen Gruppierungen gegenüberstehen?
„Früher war es genauso“, meint meine Mutter immer. Der Pfarrer hatte zwar kein Verhältnis mit der Haushälterin, dafür zwei Kinder mit der Magd vom Nachbarhof. Die Teenies trugen weder Arschgeweihe noch Aschenbecherfrisuren à la Tokio Hotel spazieren; dafür gab’s Woodstock und Leni Riefenstahl. Der einzige Nachteil heute ist wohl wirklich unsere Medienkultur.
Wenn Bush jr. sich an seiner Brezel verschluckt, leidet der halbe Globus live mit ihm.
Schläft Jude Law fremd?
Pullert Ernst August auf die Türkei?
Schläft Trittin während einer wichtigen Debatte?
Wir sind, wenn wir so wollen, immer live dabei. Dank Videoskype könnten wir sogar meinem Nachbar beim pupsen zuhören (ich komme dank der dünnen Wände schon länger in diesen Genuss), selbst Demi DIE Moore zeigt beim zwitschern ihre lückenhaften Vorderzähne.
Ja ja, der Sommer bringt nicht immer nur gutes. Nicht nur die Temperatur klettert momentan nach oben, auch die soziale Schmerzgrenze erreicht neue Höhen.
Ich halts wie Bauer Sepp, der sagt auch immer:
"Liegt des Bauern Uhr im Mist, weiß er nicht, wie spät es ist."