Mein Silvesterkracher
08.01.2009
Kurzzeitig dachte ich, am 31.12.2008 hört mein Leben auf. Ich war mir auch sicher, dass zwischen Weihnachten und Silvester drei Monate liegen und der Dezember nicht 31, sondern 310 Tage hat. Es liegt natürlich nicht an mir, dass ich so naiv bin. Es liegt an meinem Umfeld. Sämtliche meiner Verwandten planten nämlich, Feiern zu feiern, die meisten meiner Freunde wollte Feste festen und mein(e) Arbeitgeber gedachten, mich mit Arbeit zu bearbeiten. Egal von wem ich mich verabschiedete, jeder meinte: „Wir sehen uns eh noch vor Weihnachten“, und nach Weihnachten änderte sich der Satz in: „Wir sehen uns eh noch dieses Jahr“. Sogar jene, die ich, um aufzurunden, maximal semestral sehe, wollten sich plötzlich unbedingt noch 2008 treffen.
Ob das Ende der Welt wohl nahte?!
Denn wenn, so dachte ich, hätte ich noch eine äußerst ergiebige Liste abzuarbeiten.
(Das mit der Liste kam so: Jemand fragt mich, was ich, wenn ich noch fünf Minuten zu leben hätte, denn unbedingt noch tun würde. Ich solle mir das mal notieren. Ich verbrachte allein 9 Minuten damit, mir einen funktionierenden Kugelschreiber zu suchen, um dann mit einem würdelosen Ikea-Bleistift meine verbliebenden Lebenswünsche zu notieren. Und stellte fest, dass ich in jedem Fall keiner der Menschen sein werden, die sich im Himmel mit einem Glosset-Champagner zurücklehnen und sich an ihrem gelebten Leben erfreuen. Ich werde wahrscheinlich in Höllennähe an einem Asti Spumante würgen und mich fragen, ob auf gelebte Leben wirklich kein Umtauschrecht gilt.)
Nun, da ich nicht sicher war, wie das mit dem Ende der Welt nun tatsächlich sein wird, ging ich auf Nummer sicher und versuchte, meine Liste schnellstmöglich abzuarbeiten.
Ich arbeitete an 22 Tagen in den letzten 22 Tagen, insgesamt 13 von jeweils 24 möglichen Stunden für 2 Arbeitgeber in 2 Lokalitäten mit 2 verschiedenen Postleitzahlen.
In den restlichen 240 Stunden räumte ich mit meinem Anwalt einige meiner Altlasten aus dem Weg, fuhr mit defekter Bremsleitung fast 20 Kilometer, kaufte Christbaumkugeln in 6 verschiedenen Farben in 4 verschiedenen Läden in 2 verschiedenen Orten, bastelte 16 Weihnachtsgrußkarten, von denen ich 2 abschickte, trank 8 Flaschen Wein (eigentlich 4 Flaschen da zu zweit) (nicht an einem Abend, aufgeteilt auf 22 Abende), stritt mich mit meinem Nachbarn, kaufte 13 Weihnachtsgeschenke, darunter auch eines für meinen Nachbarn, zerstörte meinen Internet-Stick, zerstritt mich mit der Vodafone, kaufte ihr aber kein Weihnachtsgeschenk, richtete meine Wohnung nach Feng Shui ein, räumte sie anschließend wieder um und schlief hin und wieder, mit und auch ohne jemandem.
Natürlich steht keines dieser Dinge auf der Liste. Aber als in der Silvesternacht außer einem Feuerwerkskörper nichts weiter unterging, beschloss ich, die Abarbeitung meiner Liste auf nächsten Dezember zu verschieben.
Da habe ich sicher etwas mehr Zeit …