Liebe Mama...
28.04.2008
...den herannahenden Muttertag nehme ich als Anlass, über unsere gemeinsame Geschichte nachzudenken. Heuer werde ich, so wie all die Jahre zuvor, dir wieder keinen Frühstückstisch decken, dir weder Merci-Schokolade noch einen mein Budget-sprengenden Blumenstrauß schenken. Ich muss an dieser Stelle zugeben, dass ich ein äußerste undankbares Muttertagskind bin. Nun, ich werde mich dafür hier den guten, positiven Aspekten unseres Mutter-Kindseins zuwenden.
Man muss dir zugute Halten, dass du mir eine äußerst strenge und linientreue Erziehung zukommen ließest. Du hast mir gelernt, mich anzupassen und mich an Gebote und Verbote zu halten. Äußerst fruchtbar war deine Taktik, mich tagelang zu ignorieren, wenn ich etwas angestellt hatte. Deine pädagogisch fragwürdige Erziehungsmethode, mich in die dunkle Speisekammer zu sperren, wird mich mein Leben lang vor Überfällen im Keller bewahren, denn seitdem leuchte ich jeden Raum akribisch aus bevor ich ihn betrete. Du warst für mich da, immer an meiner Seite, vor allem wenn es darum ging mir den Fernseher auszuschalten und die Kabel zu verstecken.
Apropos verstecken – aus großer Besorgnis um meine Gesundheit hast du meine Zigarettenvorräte regelmäßig aufgespürt und verschwinden lassen, was du leider weder mit dem Staub in meinem Zimmer noch mit meiner Wäsche tatest. Du warst seit jeher ein Fan von „learning by doing“.
Dass aus mir ein rauchender, anarchischer, gepiercter Teenager wurde, dafür konntest du nichts. Es ging einfach alles nach hinten los: Aus deiner preußischen Pünktlichkeit wurde bei mir chronische Unpünktlichkeit. Deine Putzbesessenheit schlägt bei mir grad mal durch, wenn der Abfluss meines Badeabflusses verstopft ist. Und, na ja, das mit dem Angepasst sein scheiterte spätestens, als ich mit rasiertem Haupthaar, gefärbten Augenbrauen und tätowierter Wirbelsäule nach Hause kam. Meine Freunde, ein Überbleibsel aus Woodstock-Zeiten, machten den Braten auch nicht mehr fett.
Zumindest in der Liebe, glaubtest du, würde ich mal was gebacken kriegen, immerhin bist du mir mit 31 Ehejahren ein leuchtendes Vorbild. Nun, auch das ging daneben.
Man könnte meinen, da ist etwas schief gelaufen in unserer Beziehung.
Find ich aber nicht unbedingt. Ganz unter uns, exklusiv zum Muttertag, gestehe ich dir, dass ich über einige von dir geerbten Eigenschaften ganz froh bin: die Beschaffenheit des Haupthaares, die Fähigkeit, unliebsame Faktoren einfach zu ignorieren, die Gewohnheit, alles verkehrt zu waschen und bügeln, um die Farben zu schonen, den Spartick beim Heizen und eine eklatante Veranlagung der Sturheit.
Ich bin glücklich, ich zu sein, auch wegen (oder vielleicht trotz) deiner Erziehung,. Alles Gute zum Muttertag.
Ich schenke dir einen streitfreien Tag. Ich versuche es zumindest.