Leseratten - eine aussterbende Rasse
07.02.2008
Meine Wohnung ähnelt einem Papiermüllcontainer. Nicht, dass ich längere Zeit in einem verbracht hätte, aber auffallende Parallelen stechen ins Auge. Das liegt vor allem an den Zeitungsstapeln, die sich konsequent auf 50m2 breit machen. Zeitungen auf der Waschmaschine, unter der Nachttischlampe, auf dem Esstisch, sogar der Aschenbecher steht auf einem Zeitungsstapel.
Man könnte daraus schließen, dass ich entweder einen krankhaften Sammeltick habe, oder aber, richtigerweise, dass ich den größten Teil des Tages mit Lesen verbringe. Ich esse lesend, ich gehe lesend, ich telefoniere lesend und schaue dabei auch noch fern. Auch meinen Toilettenaufenthalt verbringe ich lesend, meine Familie dachte bis zu meinem Auszug, ich hätte was mit dem Magen.
Und schuld daran ist tatsächlich, wie immer, meine Mutter. Hätte sie mir nicht sämtliche Freuden der Kindheit verboten (Fernsehen, Fernsehen, Fernsehen), hätte ich mir ein geselligeres Hobby ausgewählt. Ich wäre sportlicher, hätte viele, viele Freunde, interessante Hobbys und ein ausgeglichenes Leben. Ich könnte Abende mit Freunden verbringen und endlich mal mitreden, wenn sie über Serien ihrer Kindheit reden. Ich könnte Abende mit Freunden verbringen und endlich mal mitreden, wenn sie über ihre Rebellionsphase in der Pubertät lachen. Oder ich könnte einfach nur einen geselligen Abend mit Freunden verbringen und mit ihnen über irgendwas mir auch Bekanntes diskutieren. Könnte ich alles machen, wenn ich in meine Kindheit nicht mit Ronja, der Räubertochter verbracht hätte.
Die Vorteile meiner Lesewelt?
Ich suche mir je nach Stimmung meine virtuelle Realität aus: an schlechten Tagen muss Hape her, oder David Sedaris, an anspruchslosen Tagen umgebe ich mich mit Dostojewskis Welt. Wenn nichts mehr geht, geht Simenon.
Anstrengender Tag? „Der Mann, der den Zügen nachsah“ Seite 27 - 29.
Genervt? Umberto Eco´s „Wie man mit einem Lachs verreist“, Artikel 1.
Gedanklich in die Karibik verreisen? Peinlich, aber hilfreich: Konsaliks „Perlen der Südsee“.
Immer passend, Watzlawicks „Anleitung zum Unglücklichsein“.
Probier das mal mit deinen Freunden:
Anstrengender Tag? Carmen, wenn sie NICHT Liebeskummer hat.
Genervt? Stefan, wenn er gute Jokes macht. Oder immer passend, ein Activity-Abend mit Jürgen, Michi und Anna, aber nur, wenn sie in Feierlaune sind.
Man könnte in gewisser Weise behaupten, Bücher seinen die besseren Freunde: man kann sie mit in die Badewanne nehmen, im MP3 Format als Hörbuch hören. Langweilen sie, blättert man weiter oder klappt sie zu. Die Zeitung, die man morgens auf den Badezimmerboden schmeißt, wird am Abend noch immer mit dem spannenden Artikel über plurifunktionale Fibroblasten auf mich warten. Nix verstanden? Abboniere GEO Wissen, oder kauf dir die SZ-Lexika, dann klappts auch mit dem intellektuellen Touch. Das dachte sich wohl auch unser Bademeisteranwärter 2007, dessen Lieblingsbuch laut Zett-Profil der „Steffenwolf“ ist. Ja, auch erfinden will gelernt sein.
Einige Mängel haben meine Bücher aber doch:
1. Sie antworten nicht. Trotz GEO Wissen nicht verstanden was plurifunktionale Fibroblasten sind? Frag Manuel, in 21 Sekunden hält er dir einen biochemischen Einführungsvortrag.
2. Sie sind nicht spontan. Oder wurdest du jemals von einem Buch gefragt, ob man statt im Dorfcafe den Espresso nicht lieber am Markusplatz möchte?
3. Sie retten dir nicht das Leben. Babs, Lebensretterin Nr. 1, meine Aus- und Umziehmanagerin, meine bei minus 21Grad Raucherfreundin, niemals würde ich dich tauschen, noch nicht mal für ein original signiertes Stermann-Buch. (Solange Grissemann nicht auch signiert, droht dir keine Gefahr...)
4. Gutes Buch vs. Guten Sex? Eben.
Eigentlich bin ich meiner Mutter dankbar, dass sie mir eine fernsehfreie Kindheit angetan hat.
Zwar lebe ich, wie schon erwähnt, nun in einem Papiermüllcontainer und verbringe einen großen Teil meiner Freizeit lesend auf der Toilette, doch, so mein Fazit des Tages: Ein Buch in der Hand ist besser als eine Fernsehantenne auf dem Dach.