Lautlos
15.04.2010
Es gibt Situationen im Leben, in denen man merkt, dass man eigentlich nicht geschaffen ist für eine Leben in der Gesellschaft. Mir passiert das immer wieder, und genau jetzt ist es wieder soweit. Am Nebentisch (in einem öffentlichen Cafe) sitzen drei Mädels bei ihren "Latte", und diskutieren die Vor- und Nachteile eines Brasilian Waxings. (Öffentliches Lokal!!!) An dieser Stelle gehe ich davon aus, dass jeder versteht, wovon die Drei sprechen.
Ich kann natürlich nicht weghören, denn die drei sprechen klar vernehmlich und, wie gesagt, sitzen (in einem öffentlichen Lokal!!) am Nebentisch. Ich kann noch nicht einmal verhindern, dass ich sie mir Brasilian gewaxt vorstelle. Genau jetzt fühle ich mich wahnsinnig alleine auf der Welt. Ich frage mich, ob ich der einzige Mensch bin, der sich niemanden ungewollt gewaxt oder auch nicht vorstellen will. Wie können die Drei davon ausgehen, dass sich andere dafür interessieren? Würden sich auch darüber reden, wenn ein alter Lüstling neben ihnen sitzen würde und ihm die Spucke in den Hemdkragen rinnen würde? Oder wenn Mr. Obama im Lokal säße? Die Queen?
Dasselbe im Bus. Vorne, dritte Reihe links. Eine etwa 14-jährige Zahnspangenträgerin brüllt ihr Handy an. Am anderen Ende der Leitung brüllt jemand zurück. Der Bus darf nun einer gebrüllten Konversation folgen, in der sich beide brüllend unterhalten, ob der Mathe einen Stichtest machen darf oder nicht.
Mein Nachbar brüllt auch. Beim Sex.
Meine Cousine startet morgens zur Arbeit und brüllt die Anweisungen an ihre Kinder noch zwei Nebenstraßen weiter aus dem Auto.
Lasse ich etwas im Laden an der Kasse liegen, schreit es der Kassierer drei Stunden später aus dem Laden, als ob ich auf einem Karton am Straßenrand wohnen würde.
Die Drei am Nebentisch sind endlich verschwunden. Ein älteres deutsches Paar zielt nun ihren Platz an. Als die Bedienung kommt, brüllt die Frau ihr entgegen: "SIE MÜSSEN LAUT SPRECHEN, DER DIETER HÖRT NÄMLICH SO SCHLECHT!"