Einmal er-wachsen, bitte...
08.06.2011
Seit meinem 18. Lebensjahr warte ich auf den großen Knall. Den Knall, den es macht, wenn man vom Kind zum Erwachsenen wird. In meiner infantilen Vorstellung geschieht dies folgendermaßen: es knallt, einem schwindelt und wenn man dann wieder (bzw. zum ersten Mal) zu klarem Verstand kommt, wird einem der Ernst der Dinge bewusst. Die Leichtigkeit des Seins ist zwar dahin, doch gewinnt man dafür eine Menge tieferer Einblicke.
Man sieht die Welt mit anderen Augen, sozusagen.
Wesentliche Indizien für den bereits stattgefunden Prozess sind meiner Meinung nach:
- Ein erwachsener Gesichtsausdruck
- Angemessene Kleidung
- Vernünftiges Schuhwerk
- Das Erlernen eines ordentlichen Berufes
- Unfehlbarkeit
- Auf alle Fragen passende Antworten in petto zu haben
- Benutzung des folgenden Vokabulars: recht nett, angemessen, suboptimal, diskrepant
- Die Feststellung, dass man von ausreichend Schlaf mehr profitiert als von ausreichendem Vodkakonsum spätnachts
Nun – die Jährchen ziehen ins Land und ich stelle fest, dass, sollte ich den großen Knall übersehen/-hört/nicht verspürt haben, sich oben genannte Indizien nicht feststellen lassen. Wie gesagt, mittlerweile bin ich in den (mittel)frühen Zwanzigern.
Meine Unklarheit bezüglich meiner Zukunft hat sich seit dem 12. Lebensjahr nicht verzogen. Ich bin prinzipiell IMMER zu warm, zu kalt, zu overdressed oder zu schlampig angezogen. Meine Frisur saß nur einmal – bei meiner Geburt. Ich lasse mir noch immer von Papi Geld zustecken und der tiefere Sinn des sonntäglichen Kirchenbesuchs offenbart sich noch immer nicht.
Verdammt, wann wird man eigentlich erwachsen? Muss man dafür was tun? Was aufgeben? Ist es illusorisch anzunehmen, Erwachsen sei das Leben schöner?
Eine meiner Bekannten war bereits mit 7 erwachsen. Ratlos, ziellos, mittellos, alles Adjektive, die ihr schon immer fremd waren. Sie hat ihr Jurastudium abgeschlossen, übernimmt gerade die Kanzlei des Vaters und legt größten Wert darauf nicht gesiezt, übersehen oder übergangen zu werden. Sie wusste bereits mit 16, welche Frisur ihrem Status angemessen ist, dass es sich nicht schickt, betrunken auf Tischen beim Apres Ski zu tanzen oder Fremden das Du anzubieten. Sie ist und bleibt mein „Erwachsen-Hero“.
Wenn ich mal wieder verschwitzt, pleite und in Flip Flops im strömendem Regen auf jemanden warte, der mich abholt weil mein Auto
- streikt
- in der Werkstatt vor sich hin rottet,
- die Versicherung nicht bezahlt ist,
- ich kein Geld fürs Benzin,
- den Schlüssel verloren oder
- vergessen habe, wo es geparkt ist,
wünsche ich mir nichts sehnlicher, als „er-knallt“ zu werden, damit ich auch so erwachsen bin wie sie es schon lange ist.
Doch dann fallen mir auch gleich wieder ihre stinklangweilige Frisur und ihr vernünftiger Lebensplan ein. Ich schnorre mir eine Zigarette, plantsche mit den Zehen in der Pfütze, und freue mich einfach des Lebens.
Erwachsen werden kann ich auch mit 50.