Der kleine Junge und die EM
17.06.2008
Es war einmal in einem kleinen Dorf in den Bergen, nahe den sieben Zwergen, ein Junge, dessen größte Leidenschaft das Fußballspiel war. Er stand im Tor der Dorfmannschaft, hielt Kiste für Kiste und schoss den Ball wie der Teufel; er wollte ein ebenso guter Fußballer werden wie sein großes Vorbild, der Kapitän einer italienischen Serie-A Fußballmannschaft …
Der Junge verfolgte jedes seiner Spiele, klebte an der alten Flimmerkiste seines Vaters, und wenn die mal wieder Bildaussetzer hatte, drehte er das Radio auf Maximum, um aus dem Gebrüll des Moderators jede Spieltaktik zu entnehmen.
Um seine Dorfmitbewohner an seiner Begeisterung teilhaben zu lassen, hisste der Junge vor jedem wichtigen Spiel seinen Bestand an Fahnen und hing selbstbekritzelte Leintüchern ans Balkongeländer, was besonders seine Nachbarin freute, der es regelmäßig die Balkonblumen aus den Töpfen schlug. Nun nahte die Fußball-Europameisterschaft, was natürlich eine besondere Schmückung seines Hauses erforderte. Inmitten seines ganzen Geflagges bekam eine Italienfahne enormen Ausmaßes ihren Ehrenplatz.
Seine Dorfmitbewohner lächelten amüsiert über den kleinen Jungen, der in seinem Überschwang die gesamte Außenfassade dekorierte. Weniger amüsiert war eine kleine Gruppe Halbstarker, die den gesamten Fußballwahn insgesamt und die italienische Fahne im Besonderen im Auge hatten. Sie waren leidenschaftliche Feuerwehrler, aber vor allem waren sie leidenschaftliche Schützen. Und schützen war ihr Credo. Sie schützen ihren Wortschatz vor deutscher Grammatik und Fremdsprachen, ihr Hirn vor Intelligenz und das kleine Dorf vor italienischen Fahnen. Nur der kleine Junge hielt sich nicht an den ungeschriebenen Dorfkodex, der sämtliche Dekoration, außer sie sei tirolerischer Art, rigoros ablehnte, und wurde damit ungewollt zu einem größeren Problem, als er eigentlich wusste.
Nun kam der Herz-Jesu-Sonntag. Die Dörfler prozessierten durch ihr schönes Dörflein, das, tirolerisch geschmückt, ein wahrer Augenschmaus für jeden Tiroler war. Nur, was hing da mitten in einer Häuserzeile in Übergröße vom Balkon? „Verdammt“, dachte sich wahrscheinlich der Anführer der Halbstarken, der kleine Junge traut sich was. „Hängt der kleine Scheißer doch glatt die Italienfahne raus.“ Kurz vor dem großen Tag der Schützen war der kleine Junge nämlich noch gewarnt worden, sollte er die Italienfahne nicht abnehmen, würde sie, passend zum Herz-Jesu-Feuer angezündet werden.
Unglücklicherweise kam alles ganz anders. Da es etwas auffällig wäre, mitten am Tag eine Fahne zu verbrennen, kamen die Halbstarken nachts, bewaffnet mit einigen Eierschachteln, mit deren Inhalt sie recht munter die Hausmauer dekorierten. Das wiederum passte dem Hausherrn nicht ganz ins Konzept. Erstens wurde er aus seinem Schlaf gerissen, der ihm und damit allen anderen ebenso heilig war, zudem lag er noch immer im Clinch mit dem Maler, der für die letzte Weißung der Außenmauern ein kleines Vermögen berechnet hatte. Das wiederum wussten die Halbstarken nicht, die Ahnungslos das Erzeugnis vieler Hennen durch die Luft ballerten. Sie sahen plötzlich einen Irren im Schlafanzug auf sich zurennen, der einen etwas psychopatischen Eindruck machte, was wiederum durch seine Schlachtrufe nur verstärkt wurde.
Glücklicherweise hatte er das Fleischmesser nicht gefunden, sodass er mit einem Obstschälmesser durch die Luft wedelte. Das wiederum verstärkte nicht unbedingten den positiven Eindruck, den er sowieso nicht machte. Die Jugendlichen ließen Eier Eier sein, nahmen ihre Beine unter die Arme und rannten, dass Andreas Hofer seine reine Freude gehabt hätte. In ihrer Überschallgeschwindigkeit merkten sie nicht mal dass die Brieftasche eines der Jugendlichen vor den Pantoffeln des wütenden Hausherrn liegen blieb. Der Jugendliche, der bekanntlich sein Hirn erfolgreich geschützt hatte, kam eine halbe Stunde später zurück, sah dem Hausherrn beim säubern der Mauern zu und fragte recht unauffällig, ob der denn zufällig eine Brieftasche gefunden hätte.
Er hat das alles ohne auffällige äußere Verletzungen überstanden. Ebenso die Außenmauer, die riesige italienische Flagge und die Moral des kleinen Jungen, der mit seinem Beflagge noch immer seine Nachbarn nervt.
In das kleine Dorf in den Bergen ist wieder totale Harmonie eingekehrt, wie auch im restlichen Südtirol. Wirklich?