Deadline
29.09.2009
Meine Großmütter sind beide schon über 80. Sie sind beide männerlos bzw. ihre Männer los und leben in WGs. Unabhängig voneinander. Das macht’s auch so schwierig, sie regelmäßig zu besuchen. Zumindest versuchte ich es so meiner Mutter zu erklären, als sie mich gestern mahnte, meine Besuche nicht weiter im Jahrestakt abzustatten. Denn im Jahrestakt ist ab einem Alter über 80 nicht mehr empfehlenswert.
Das erschreckte mich dann doch.
Ich liebe meine Omas. Beide wurden von ihren Ehemännern mit Hof, einem Haufen Kinder und der ganzen Arbeit beschenkt, und doch bissen sie sich durch alle Schwierigkeiten und Hindernisse und schafften es über die 80.
Beide wanderten aus, beide überlebten den Krieg, die Nachkriegsjahre, die harten Winter und kargen Sommer, beide hatten Männer, die soffen, spielten und nicht unbedingt zimperlich waren. Und sie lebten in einer Welt voller Konventionen, in der Frauen noch Röcke und Rosenkranz zu tragen, den Männern zu gehorchen und der Kirche zu dienen hatten.
Das alles vergesse ich meist, wenn ich grad im Wohnzimmer sitze und auf abgelaufenen Butterkeksen rumkaue. Meist überlege ich mir dann, ob meine Oma wieder saure Milch in den Kaffee schüttet, warum es im Wohnzimmer so komisch riecht und wann der alte Hund aufhört, sich an meinem Schienbein zu reiben.
Eigentlich mag ich die abgelaufene Kekse meiner Oma. Ich mag auch ihren Hund, ich mag generell alle Besuche bei meiner Oma, wenn ich mal dazu komme. Meist spielen wir stundenlang Karten, meine Oma schwindelt und flucht, und manchmal rutscht ihr dabei das Gebiss raus. Wenn ich dann gewinne, nennt sie mich eine alte Russin, aber das passiert selten, denn, wie eben beschrieben, schummelt sie ohnehin immer.
Nur wenn ich grad nicht im Wohnzimmer sitze, sondern zuhause auf meiner Couch chille, im Pub rumhänge, durch Diskos hopse oder sonst irgendwo bin, fällt mir alles andere ein als meine Oma zu besuchen. Ich schieb ’s dann auf nächste Woche, die kommenden Feiertage, ihren Geburtstag, ihren nächsten Geburtstag, und dann auf ihren übernächsten Geburtstag.
Doch eigentlich, mit über 80, ist das Verschieben auf über-übernächste Geburtstage ein klein wenig kritisch. Nicht dass meine Omas nicht beide über 100 werden, dessen bin ich mir sicher, aber wenn doch nicht? Wenn der nächste kleine Schlag kein kleiner mehr ist, oder das Blut sich von Hochdruck nicht mehr nach unten drücken lässt? Dann würde ich mich ewig dafür schämen, dass mir abchillen auf der Couch mehr wert war als mauscheln mit meiner Oma.
Ich werd sie morgen besuchen. Oder spätestens nächste Woche. Ganz sicher...