Chronik eines angekündigten Todes
20.04.2009
Sie war immer mittendrin. Mitten im Geschehen, mitten in der Gesellschaft, die Mitte der Gesellschaft. Sie war die Schönste, und wohl auch die Wandelbarste. Egal in welcher Rolle, sie bestand - trotz ihrer schweren Kindheit, meinten die Einen; wegen ihrer schwerer Kindheit, sagten die Anderen. Sie selbst äußerte sich nicht dazu. Nicht zu ihrer Kindheit, nicht zu ihrer komplizierten Familiensituation. Sie genoss ihr Leben und ihre Freunde, machte Ausbildung, Karriere, Geld.
Nur ihre engsten Freunde merkten, dass die Dämonen sie einholten. Dass die Nächte lang und schwer waren. Die Einsamkeit überlappte ihr Leben. Der Drang sich zu verstecken wurde immer größer, bis sie nicht mehr widerstehen konnte. Sie brach mit allen. Auch mit sich selbst.
Dann kam der Tag, an dem alles anders wurde. Das Licht wirkte heller, die Sonne wärmer, die Zukunft reeller. Sie holte alles nach, machte nächtelang durch, kaufte, reiste, lachte, lebte. Der Drang, sich zu verstecken, wich dem Drang, sich zu exponieren. Sie surfte, telefonierte, chattete, am liebsten alles gleichzeitig. Wieder waren es nur ihre engsten Freunde, die merkten, dass sich selbst darin verloren hatte.
Manisch depressiv, meinte ihr Psychologe dazu.
Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt.
Sie fand die Mitte nicht mehr. Sie fand sich selbst nicht mehr. Sie wusste noch nicht mal mehr, nach wem sie suchen sollte.
Ihr Leben wurde zur Bahnfahrt. Steil nach oben, um wieder ins Bodenlose zu fallen. Ohne Notbremse, ohne Schleudersitz. So unglaublich beschwerlich. Der ständige Kampf gegen die Krankheit. Und - was war Krankheit, was war sie?
Sie traf sich mit den anderen wieder. Nach langer Zeit war sie nun wieder dabei. Sie schien wie früher, lachte, unterhielt sich, telefonierte. Sie hatte auch viel nachzuholen, nachdem sie sich lange in ihren vier Wänden verkrochen hatte. Vor den Anderen, vor Sich. So dachten ihre Freunde. Und freuten sich, sie endlich wieder zu haben. Sie fuhren nach Bozen, gingen aus, tranken - wie früher, als sie noch nicht der Ernst des Erwachsenssein erreicht hatte. Sie lachten, redeten, und fuhren erst wieder nach Hause, als der Morgen sich ankündigte.
Fünf Stunden später erreichte die Meldung auch ihre Freunde: Sie hatte sich erhängt.