Blickwinkel
16.02.2011
Wenn man Blickwinkel googelt, kommen in etwa 2.140.000 Ergebnisse dabei raus.
Es gibt einen Blickwinkel-Verein (oder vielleicht sogar mehrere, ich habe nicht alle Ergebnisse durchgeblättert), es gibt Unternehmen namens Blickwinkel, eine Blickwinkel-Zeitung, es gibt sogar den Film Blickwinkel. Dabei, so schreibt jedenfalls Wikipedia lapidar, geht es doch einfach nur um die Perspektive, unter der bestimmte Dinge betrachtet werden bzw. die Richtung, die sich von einem bestimmten Standpunkt aus ergibt. Das finde ich deshalb total interessant, weil jeder von uns selbst entscheiden kann, unter welchem Blickwinkel er wohin schauen kann.
Victoria Beckham’s Blickwinkel richtet sich dabei wahrscheinlich von oben nach rechts und links auf vermeintliche Hüftpolster, während ihr Gatte eher auf den Hintern der blonden Cheerleaderinnen schielt. Meine Freundin Christine hat, so lieb ich sie habe, gar keinen Blickwinkel. Mit goldenem Löffel geboren und bislang von Liebesproblemen (und Männern im Allgemeinen) verschont, blickwinkelt sie maximal auf die nächste geplante Weltreise.
Ich hingegen knalle mich von einer Katastrophe in die nächste, mit dem Vorteil, ohne Blickwinkel zu bleiben. Es fühlt sich vielmehr meist so an, wie’s bei Jay im Dschungelcamp aussah – zappenduster!
Meine Probleme sind natürlich, wenn man sie direkt fokussiert, ganz speziell: meine Schultern sind verkalkt, meine Eltern haben einen an der Hacke, auf dem Foto im Personalausweis kann man 4 Augen und 2 Nasen zählen und nach 3 Stunden tapezieren kamen beim Fernsehen die Tapeten schneller retour als Horatio Caine seinen Fall gelöst hatte.
Auch beim Wettjammern bin ich nicht zu unterschätzen; spätestens bei meiner großen Liebe, die sich in Kürze ein neues Organ anschließen lässt, geben alle anderen kampflos auf.
Nur einer kriegt mich immer wieder klein, mein Freund Gabriel. Und er schafft es auch immer wieder, mich daran zu erinnern, dass es eigentlich nur auf die Perspektive ankommt. Selbst mit Tapeten um 220 Euro, die nicht kleben wollen und einem Dauerabo auf dem Krankenhausparkplatz bin ich, ehrlich gesagt, total glücklich. Ebbe auf dem Konto oder kaputte Füllungen in den Zähnen, die Katze des Nachbarn, die in meinen Kräutergarten scheißt oder die totale Langeweile bei der Arbeit – ehrlich, ich bin glücklich.
Denn immer, wenn mich grad wieder etwas total nervt, kommt garantiert eine Mail von Gabri. Dann legen wir einen Filmabend ein und er schiebt meinen Blickwinkel etwas zurecht.
Manchmal essen wir zusammen. Das macht er nicht so gern, er behauptet immer, mein Essen würde dabei kalt. Das kann vorkommen, denn zuerst füttere ich ihn, dann esse ich. Gabriel kann seit einem Unfall vor einem Jahr nicht mehr alleine essen. Er kann auch nicht gehen, winken, sich die Nase putzen oder mit den Zehen wackeln. Er kann weder seine Beine noch seine Arme bewegen.
Und er kann sich nicht das Leben nehmen. Bis vor kurzem war das nämlich seine einzige Perspektive. Langsam verändert sich auch für ihn sein Blickwinkel. Er kann manchmal lachen, und manchmal kann er auch weinen. Gestern konnte er, nach 2 Stunden Eis am Stiel-schauen, sogar beides gleichzeitig. Es kommt, wie immer, nur auf den Blickwinkel an!