Aus dem Leben eines Krankenhaus-Besuchers
10.04.2008
Vor einiger Zeit wurde eine mir nahe stehende Person ins Krankenhaus eingewiesen. Anfänglich schienen die Symptome auf eine einfach zu behandelnde Sache hinzuweisen, jedoch erwies sich alles komplexer als angenommen. So wurde aus dem vermeintlichen Kurzaufenthalt ein Dauerzustand mit noch offenem Ende. Mir wiederum verschaffte dies eine Reihe neuer Einblicke in menschliche Verhaltensweisen, und inspirierte mich zu neuen Merksätzen:
- Ich hasse Krankenhäuser.
Es gibt keinen ersichtlichen Grund, warum man sich in einem Krankenhaus freiwillig aufhält, außer man verblutet oder wird zwangseingewiesen. Auf meiner Beliebtheitsskala findet sich das Krankenhaus zwischen Syphilis und verstopften Kloabflüssen, ohne Aussicht auf Änderung. Das kann sich rapide ändern, wenn jemand in ebendiesem Krankenhaus liegt, der auf der Beliebtheitsskala ca. auf Platz 4 rangiert. Denn plötzlich verbringe ich Stunden im Aufenthaltsraum, lausche dem Klirren der Infusionsständer, be-coffeiniere mich mit Espresso aus der Kantine und plaudere schon mal mit dem Nachtportier. Und der ist wirklich nett, vor allem der vom Wochenende. Kaffee ist lecker, Cola meist frisch und die Unterhaltungen mit irgendwelchen Patienten, vor allem aus Gebäude W (Geriatrie und Psychiatrie) unglaublich spaßig. Seit ich mich täglich in einem Haus voller tatsächlich Kranker aufhalte, ändern sich die Proportionen meiner Probleme. Merke: Hast du Weltschmerz? Leidest du unter Liebeskummer oder hat dein Hund Bronchitis, dein Scooter einen verstopften Auspuff oder benotet dein Lehrer ungerecht? Setz dich 2 Stunden in den Wartesaal der 1. Hilfe. Probleme gelöst.
- Ich bin ein Hypochonder. Seit Geburt an.
Ich hatte bereits sämtliche Knochen mindestens 3-fach gebrochen, litt an den meisten bekannten Allergien und habe seit kurzem eine noch unerforschte Blutkrankheit, deren Symptome sich in Pickeln ausdrücken. Leider kooperiert mein Hausarzt nicht. Bei der Visite vor 3 Tagen meinte mein Hautarzt, ich sei ohne Befunde. Ich machte ihn auf meine bösartig aussehenden schwarzen Flecken aufmerksam. Meint er, das seien Muttermale. Und die Verdickungen an den Fingern? Schwielen. Die juckende Kopfhaut? Vom Stoff der Mütze. Die Pickel, die auf meine noch unerforschte Blutkrankheit aufmerksam machen? Stresssymptome. Ja klar. Als ich, äußerst unzufrieden, die heiligen Gemächer des Arztes verließ, nahm ich den falschen Gang (krankhafte Orientierungslosigkeit, deutet sicher auf irgendwas hin) und geriet mitten in einen Verbandswechsel. Einem jungen Verbrennungsopfer war ein Bein amputiert worden, der verbrannte Rest wurde gerade neu verbunden. Ich war nicht in der Lage, der jungen Frau in die Augen zu sehen. Den Rest des Tages verbracht ich damit, mir einzureden, dass ich unbedingt eine neue Visite bei einem anderen Dermatologen bräuchte, um meine zahlreichen Symptome richtig zu diagnostizieren. Bislang erfolglos. Merke: Es kann schmerzlich sein, aus seiner kleinen Welt hinauszuschauen. Trotzdem ist es hin und wieder äußerst notwendig.
- Ich bleibe Hypochonder. Und hasse weiterhin Krankenhäuser.
Allerdings beschäftige ich mich mit meinen zahlreichen Symptomen erst wieder, wenn ich fähig bin, einem jungen Verbrennungsopfer in die Augen zu sehen. Bevor ich wegen meiner ekligen Nachbarn einen neuerlichen Ekelanfall erleide erinnere ich mich, dass manche Patienten im Krankenhaus 5 eklige Nachbarn haben, von denen sie noch nicht mal eine Wand trennt. Und nachdem ich meinen Berlintrip seit 3 Jahren konstant vor mich her geschoben habe, habe ich gestern gebucht.
Merke: was du Heute kannst besorgen, verschiebe nicht auf Morgen.