Ansichtssache
19.05.2010
Meine Mutter sagt immer: "Jede Sache hat zwei Seiten."
Das mag ja stimmen, ist aber nicht immer so positiv wie sie glaubt. Zum Beispiel wenn man sich voller Vorfreude auf den gebuchten Urlaub freut, dann aber äußerst unfreudig die Kosten begleichen muss. Wenn man in den Urlaub startet aber erst mal 5 Stunden im Stau steht. Wenn man im Urlaub isst dann aber endlos auf dem Klo hockt. Es geht noch endlos weiter:
| Schlemmen: schön! |
Nicht mehr in seine Hosen passen: nicht schön! |
| Bild lesen: schön! |
Dumm werden: nicht schön! |
| Schnell fahren: schön! |
Crashen: nicht schön! |
| Sex: sehr schön! |
(ungeplante) Kinder: nicht schön! |
| Rauchen: schön! |
Lungenkrebs: nicht schön! |
| Exzessives Trinken: schön! |
Dem Nachbarn in die Rosen reihern: nicht schön! |
Nun gibt es Menschen, die mir unterstellen, immer nur die zweite Seite sehen zu wollen, nämlich die schlechte. Das sind die Menschen, die nach einem Erdbeben mit 400 Opfern zu sagen pflegen: na, aber wenigstens ist die Erde jetzt schön locker, ideal, um Tomaten zu pflanzen. Natürlich versuche auch ich, mir diese Lebensansicht anzueignen. Neulich klagte meine Nachbarin, sie habe ihren Job verloren. Ein guter Zeitpunkt, sie aufzumuntern, also antwortete ich: na, jetzt hast du dafür Zeit, mal deine Kinder zu erziehen.
Das nahm sie nicht so toll auf ...
Vor zwei Monaten zertrümmerte und zerriss sich meine Mutter ziemlich alles, was einen menschlichen Fuß zusammenhält; Sprunggelenk, Sehnen, Wade, alles dahin. Nach ihrer zweiten Operation hielt sie noch immer an ihrer positiven Medaillenansicht fest, und sagte ganz lapidar: "Na, es kann immer noch schlimmer kommen! " während sie beim Drehen ihres Rollstuhls zwei Blumenvasen zerdepperte und ein kleines Mädchen anfuhr. Vor drei Wochen saß sie in ihrer Küche, in der sie seit Tagen festsaß, blickte sehnsüchtig zu ihrem Schlafzimmer, dass zwei Stockwerke über ihr seit Wochen unerreichbar blieb, und meinte:" Ruf mal den Bodenleger. Jetzt kann er eigentlich den alten Teppich rausreißen und oben alles neu verlegen lassen...also, dass ich da nicht früher drauf gekommen bin. Besser hätte es nicht gehen können." Sie trohnte, eingegipst bis zur Hüfte, wie immer unverwüstlich in ihrer Küche und sah nie fröhlicher aus.
Ich starrte sie an, Kosten kalkulierend, Putzfrauen aquirierend, nahe eines Herzinfarktes, und wünschte mir für einen kurzen Augenblick, ich wäre sie.