Alle Jahre wieder
07.01.2008
Es gibt einige wenige Dinge, die mir vollkommen unverständlich sind. Dazu gehören etwa die Bildung vollständiger Satzellipsen im Mongolischen, die Berechnung des maximalen Drehmoments beim neuen Fiat Bravo, das mikrochemische Verfahren in der Eisenerzgewinnung und der Sinn eines Christkindlmarktes.
Mit Eisenerz und der Mongolei beschäftige ich mich zugegebenermaßen seltenst und für den Bravo fehlt mir das nötige Kleingeld. Der Christlkindlmarkt hingegen stürzt mich jährlich in tiefe Verständnislosigkeit, weswegen ich in konsequent mied.
Bislang.
Heuer lief alles ganz anders - kurzer Rückblick:
Ergeben stürze ich mich in die Adventszeit, in der Hoffnung, heuer erstmals kompetent die weihnachtliche Vorfreude zu genießen. Ich führe Listen aller zu besorgenden Geschenke, zünde allabendlich die Adventskerzen an und suche den perfekten Weihnachtsschmuck für meine perfekte Tanne. Die meiste Zeit verbringe ich sogar am Christkindlmarkt, wo ich mich von der romantischen Atmosphäre und/oder vom Alkohol im Glühwein berieseln lasse.
Ich schlendere auf und ab, bewundere die fabriksfertigen Filzpatschen, schlecht ausgearbeitete Holzfiguren, esse überteuerte Zuckerwatte (mein ebenfalls überteuerter Zahnarzt freut sich bestimmt) und verbrenne meine Zunge am kochend heißen Glühwein.
Wer sich an den liebevoll dargebotenen Dingen satt gesehen hat, kann die unauffällig ausgestellten Lamborghinis unserer Polizei bewundern. Mitten auf dem Walterplatz parken unsere Helden in Uniform dezent ihre Karossen. Wenigstens parken können sie.
(Und optimal gelegen ist ihr Parkplatz auch – während ich mit meiner Blechbüchse schon eher bis in Salurner Gegenden komme, bis ich einen Parkplatz finde. Meine bevorzugte Billig-Parkgarage ist im Dezember nur mehr nach mehrstündigem Warten im Stau zu erreichen, und ab 10.00 Uhr morgens ist sie überfüllt mit Luxuskarossen mittelitalienischer Besitzer. Kein Wunder, dass Italiens Wirtschaftssystem kollabiert, unser halbes Bruttoinlandsprodukt wird in deutsche Autohersteller investiert.)
Und so stecke ich neben Herrn von und zu Vogelweide zwischen wild gewordenen Massen kaufräuschiger Italiener und verschüchterter Deutscher. Bei so nahem Genuss beider Nationalitäten bin ich unwillkürlich froh, ein staatenloser Mischling zu sein – ich kann mich nämlich so spontan nicht entscheiden, welches das kleinere Übel ist: lethargische Deutsche, die ihre Brezeln mit 2 Cent-Münzen bezahlen oder mit 500-Euro-Scheinen wedelnde dauerkreischende Italiener.
Zurück zum weihnachtlichen Markt – ich genieße, so zwischen kreischenden und lethargischen Nationalitäten steckend, die weihnachtliche Vorfreude, überlege, welcher ungeliebter Tante ich eine Duftkerze schenken soll, bis ich den Preis sehe, und versuche, mich zum Glühweinstand zu drängeln. Einer an Rheuma leidenden Henne Tongalesisch beizubringen ist Erfolg versprechender. 3 Stunden später, am Glühweinstand hängend, war ich angeblich wieder recht angetan vom ganzen Weihnachtszauber, aber glaubt mir, das sprach der Alkohol aus mir.
Und so endet mein Projekt Weihnachtsmarkt – tiefgefroren, erschöpft und weihnachtsstimmungslos.
2008 versuche ich es wieder. Bis dahin versuche ich mich an der Bildung vollständiger Satzellipsen im Mongolischen, der Berechnung des maximalen Drehmoments beim neuen Fiat Bravo und am mikrochemische Verfahren in der Eisenerzgewinnung.
Wünsche euch ein ebenso sinnvolles, Erfolg versprechendes neues Jahr.