monroe’s ex
Das Rauschen des Meeres, das Schmerzen des Stöhnens. So sieht sie aus, jene Abgründigkeit, von der hier gesprochen werden soll. Wenn jemand gefragt wird, wie es ihm denn gehe, dann ist die formell einzig richtige Antwort entweder: „gut“ oder „schlecht“. Wenn man es jedoch genauer betrachtet, sind jene Antworten geschmacklos. Man fängt damit gar nichts an, sie sind leer.
Deshalb muss bereits die Frage anders formuliert werden, sodass nicht bloß mit „gut“ oder „schlecht“ geantwortet werden kann - um der Frage in ihrer Form gerecht zu werden. Viel sinnvoller wäre es also zu fragen, in welcher Phase des Lebens man gerade stecke.
Wenn man also nach der Biographie eines Menschen fragt, muss man gefasst sein etwas zu hören, was allem Anschein nach, nichts mit einer Biographie zu tun zu haben scheint.
Der Ursprung des Instrumentalduos „monroe`s ex“ wird in folgender Geschichte beschrieben:
In der Flamme erkennt man den Willen des Lichtes. Jenes gelbliche Licht flackert und treibt mit dem Schatten das Spiel der ozeanischen Gezeiten. Es ist die Ebbe und die Flut. Der Raum wurde durch dieses flutende Licht erhellt. Es war eine Winternacht im Jahre zweitausendfünf. Draußen war es kalt. Hier drinnen wärmte ein offener Kamin das Innere des Gemäuers. Der Raum war mit Teppichen, einem Klavier, einem Mikrophon, einer elektrischen Gitarre, einem Verstärker, zwei Boxen, einem kleinen, runden Gartentisch mit zwei Gartenstühlen, einer mit Tüll umschleierten Leiter zum Mond, leeren Glasvitrinen, einem Sessel und einer Matratze ausgestattet.
In diesem Raum befanden sich drei Personen: Ich, meine Frau Marilyn und unser Freund Simon. Das Mikrophon war eingeschaltet, am Verstärker angeschlossen und lag unmittelbar vor dem offenen Feuer, dessen Brodeln, dessen wellenartiges Rauschen und Dröhnen über den Verstärker und die boxen verstärkt wurde. Es war nichts anderes als ein fluider Sedimentationsvorgang der Raumrequisiten und deren Zusammenspiel, deren Wirkung. Sowie auch unsere Musik funktioniert – in einem Geflecht aus Improvisation, in das verschiedene, sich abwechselnde Themen eingesponnen sind.
Ich saß nun auf einem Gartenstuhl, den ich ans Fenster gerückt hatte, um in die Dunkelheit hinauszuspähen, in der Hoffnung, nichts Konkretem zum Opfer zu fallen - der Kluft in der Erde ohne festen Boden standzuhalten. Ich spähte ins Nichts hinaus und rauchte eine Zigarette, kokettierte mit dem Tod. Hinter mir in der Ecke, auf der Matratze tummelten sich zwei nackte Körper wie vom Wind versetzte Dünen. Marilyn, meine Frau, stöhnte durch die Lust eines anderen. Ich wusste, dass sie sexuell von ihm angezogen war. Ich fand es äußerst unredlich, dieses Gefühl der Hingebung nicht auszuleben. Ich wollte, dass sie alles bekommt. Ich wollte lediglich der sein, der es ihr ermöglicht. Für unsere Liebe sollte das kein Hindernis sein, sie musste stärker sein als der sexuelle Akt, das stand für mich fest. Ich wollte imstande seines auszuhalten, dabei zu sein, es zu hören, zu sehen und zu riechen. Das Rauschen der Flammen, das Schmerzen des Stöhnens. So sieht sie aus, jene Abgründigkeit, die auszuhalten ich imstande sein sollte. Doch Bild und Ton waren zwei verschiedene Sachen. Die Deutung der Dinge ist anders, ob man sie bloß hört, oder nur sieht, oder beides.
Worin versteht sich der Mensch, die Abgründigkeit der Dinge ohne Bilder und Worte zu verstehen?
In der Musik. Als ich nun aus dem Fenster ins Nichts blickte, blickte mein Inneres Auge auf die Farben der Töne, die ich vernahm. Ein Konzert. Schön? Hässlich? Gut? Böse? Überwältigend!
Das war der Moment der Geburt von „monroe`s ex“. Die Tatsache, dass ich keine Frau habe und auch nie eine gehabt habe, deutet deshalb nicht auf einen Widerspruch in meiner Biographie hin. Dann hat man sie nicht richtig gelesen. Es geht um die Geburt der musikalischen Kunst. Und darüber soll des weiteren die Rede sein. Der Musik heutzutage mangelt es an Rauschen. Es liegt keine berauschende Kraft in jenen wahrgenommenen Tönen, die nur das äußere Bewusstsein streifen. Die zeitgemäße populäre Musik unterliegt dem selben Algorithmus wie das ordinäre Leben selbst. Es ist deshalb sinnlos ein Klagelied anzustimmen, dessen Töne die Betäubung nicht auflösen. Es braucht jene verdeckten, auch dissonanten Töne, welche uns der Kontrolle der inszenierten Musik berauben und der wahren Musik ihre Glaubwürdigkeit wiedergeben. Wenn in der Musik sowie im Text kein Geheimnis eingesponnen wird, hört man nicht mehr hin. Es wird dann Musik gehört, wie gegessen und geschissen wird – lustlos.
Die Musik bedarf einer tragischen Heiterkeit um lustvoll und überhaupt glaubwürdig zu sein.
„Unsere Musik ist ein Konzentrat aus der Gedankenmusik, die uns täglich wiederkehrt.“ – monroe`s ex
Legende:
Ich: Martin Spitaler (neunzehnhundertachtundachtzig) ist der Gitarrist
und seit Jänner zweitausendundsechs auch Buddhist.
Freund Simon: Simon Geier (neunzehnhundertneunundachtzig) ist der
Schlagzeuger
Marilyn: Monroe ist die Verzückung
monroe`s ex: ist das Medium, die Band