Facebooksucht
07.09.2011
Facebookst du schon oder benutzt du noch Telefonzellen?
Mein Selbstexperiment, mich für ein halbes Jahr aus der Facebook-Gemeinschaft (community) zu verabschieden, drohte schon fast daran zu scheitern, ein kleines „Bestätigen“ zu drücken. Facebook versuchte mich nämlich auf der emotionalen Schiene davon abzuhalten, so egoistisch meine Freunde zurückzulassen um in ein facebookfreies Leben zu starten. „Maria wird dich vermissen“, stand dort schon fast vorwurfsvoll. Zu meinem Glück hatte Facebook eine vollkommen zufällig erstellte Liste meiner Freunde angezeigt, welche mich vermeintlich bei meinem Verlassen vermissen würden. Wer war denn gleich noch einmal diese Maria? Egal, dachte ich mir, wahre Freundschaft braucht kein Facebook. Denkste. Zwei Minuten nachdem ich mich dazu überwunden hatte mich für einige Zeit zu beurlauben, bekam ich schon eine SMS: „Hast du mir die Freundschaft gekündigt?“ Die weiteren Reaktionen auf meinen Ausstieg reichten von beleidigt sein über verachtende Kommentare bei diversen Zusammentreffen: „Da kannst du nicht mitreden, war gestern bei XY gepostet.“ Ich fühlte mich wie eine Zeitreisende aus den 80ern.
Zu Geburtstagsfeiern oder sonstigen Events wurde ich als „Extrawurst“ natürlich nicht mehr eingeladen. Denn wer kein Facebook habe, der sei selbst Schuld. Eine SMS koste schließlich Geld und wer aus der Reihe tanze, solle auch die Konsequenzen tragen.
So hatte ich nun durch die neu gewonnene Freiheit sehr viel Zeit – aber keine Freunde mehr. Meine „Kaffee?-SMS“ wurden elegant ignoriert.
Ich war eine Einsiedlerin – alleine mit meinen Entzugserscheinungen: Morgens trank ich meinen Kaffee am Frühstückstisch ohne das Checken der neusten Meldungen, welche meine Facebookfreunde zwischen 1 Uhr nachts und 7 Uhr morgens gepostet hatten. Ohne das so vertraute Surren im Minutentakt meines Handys, wenn einer meiner Freunde eine Nachricht geschickt hatte. In der Mittagspause saß ich prinzipiell immer im falschen Lokal - allein natürlich - da sich die anderen in letzter Minute noch auf Facebook besprochen hatten, wo man denn den besten Wireless-Empfang beim Mittagessen hätte. Falls ich es doch einmal an den richtigen Ort schaffte, musste ich die harte Realität unbetäubt ertragen: alle auf das Handy starrend, kichernd –„Hast du den schon gesehen?“ - Wen? Wie? Wo? Was? Irgendwann gab ich auf zu fragen und genoss die Umgebung. Wenn mich wer ansprach und sich von mir verarscht vorkam oder mir unterstellte kein Interesse zu haben, weil ich vermeintlich meinen Facebooknamen nicht herausrücken wollte und deswegen wohl meine Existenz in diesem Portal verleugnete, lächelte ich nur. Minimalaufwand Facebook. Singlebörse. Dorfplatz.
Nach 4 Monaten und 5 Tagen musste ich mein Experiment frühzeitig abbrechen. Ich brauchte dringend Unterlagen für eine Prüfung und wer nicht bei Facebook ist, bekommt diese nur erschwert. Seit dem lebe ich wieder stigmafrei. Aufgenommen wurde ich übrigens nach meinem Wiedereinstieg sofort sehr herzlich von allen.
Habt ihr auch schon einmal einen „kalten Facebookentzug“ gemacht? Eure Erfahrungen würden mich interessieren!
Sigrid