Alkohol gefährlicher als Heroin!?
18.11.2010
Alkohol ist gefährlicher als Heroin. Das behauptet David J. Nutt, ein international anerkannter Wissenschaftler. Wie er zu dieser Aussage kommt und wie in Südtirol darauf reagiert wird, das kannst du hier nachlesen.
Davis J. Nutt ist nicht irgendwer. Davis J. Nutt lehrt Neuropsychopharmakologie an der Universität Bristol und war bis vor kurzem englischer Top-Regierungsberater im Bereich Drogen und gesundheitsschädliche Substanzen. Er hat eine Studie durchgeführt, und nachdem die Ergebnisse seiner Studie in der renommierten medizinischen Fachzeitschrift “The Lancet“ veröffentlicht wurden, berichteten Anfang November viele europäische Zeitungen darüber.
Die Studie kam nämlich zum Ergebnis, dass nicht Heroin, nicht Kokain, nicht Crack und auch nicht Cannabis die gefährlichsten Drogen sind, sondern der Alkohol. Die Studie berücksichtigte nicht nur die Auswirkungen, die der Gebrauch der Substanzen auf den einzelnen Konsumenten hat, sondern sie berücksichtigte auch die sozialen, medizinischen und finanziellen Kosten, die für die gesamte Gesellschaft entstehen. Jede einzelne Substanz wurde nach 16 Kriterien beurteilt. Neun Kriterien bezogen sich auf die individuellen Auswirkungen, zum Beispiel psychische Gesundheit, Verlust von Beziehungen, körperliche Gesundheit. Die anderen sieben bezogen sich auf die sozialen Auswirkungen des Konsums, sprich Gewalt, Störung der öffentlichen Ordnung, Kriminalitätsrate usw.
Alcohol: 72 Points.
Für die Endauswertung wurden alle 16 Kriterien zusammengenommen - und Alkohol landete auf Platz eins. Alkohol ist nicht nur gesellschaftlich gesehen die gefährlichste Droge, sondern er ist auch insgesamt gesehen die gefährlichste Droge. „Unsere Studie“, so David J. Nutt, „bestätigt das, was vor kurzem in Großbritannien und Holland herausgefunden wurde, und es zeigt, dass das aktuelle System, nach dem die Gefährlichkeit der Drogen beurteilt wird, wenig Bezug zu den reellen Gefahren und Schäden hat.“
Hier das „Ranking“ der Studienergebnisse: Von 100 Punkten (höchste Gefährlichkeit) erreichte Alkohol 72 Punkte, Heroin 55 und Crack 54. Auf dem vierten Platz landeten die Amphetamine mit 33 Punkten, gefolgt von Kokain mit 27 und Tabak mit 26 Punkten. Cannabis steht mit 20 Punkten an achter Stelle, und Ecstasy mit 9 Punkten an siebzehnter Stelle.
Wie oben gesagt, die Studie hat genaue Kriterien definiert, um die Gefährlichkeit der Substanzen zu prüfen. Trotzdem sind im „bel paese“ und im schönen Südtirol die Wogen hoch gegangen. Die Neue Südtiroler Tageszeitung zum Beispiel titelte mit: „Die spinnen, die Engländer“, und fragt bei Südtiroler Weinproduzenten und -konsumenten ironisch nach, ob sie nach dem Bekanntwerden dieser Studie nun auf Marihuana umsteigen.
Südtiroler Ansichten.
Tramins Bürgermeister ist sich seiner Position ganz sicher: „Alkohol gefährlicher als Heroin? Nein, nein, nein. Das stimmt nicht. In Maßen genossen tut der Alkohol sogar gut.“ Er meint damit Wein, Bier und Schnaps. Mixgetränke wie Baccardi-Cola oder Cuba Libre verteufelt er entschieden. Andere betonen mit Nachdruck, dass der Alkohol Teil der Südtiroler Kultur sei, und argumentieren damit, dass Wein und Rebe immerhin 227 Mal in der Bibel zitiert würden.
Gut, wenn der Bürgermeister einer Wein und Schnaps produzierenden Gemeinde so etwas sagt, und wenn die Bibel als Beweis angeführt wird, dann können wir ja beruhigt sein.
Aber was bloß könnte mit so komplizierten Begriffen wie soziale, medizinische und finanzielle Kosten gemeint sein? Oder was könnte das bloß bedeutet, wenn da von Gewalt, Störung der öffentlichen Ordnung, Kriminalitätsrate die Rede ist? Wir wollen uns mal nicht aufregen über einen Vater, der im Rausch seine Kinder und seine Frau verprügelt. Oder über Vandalenakte am Samstag Abend. Oder über einen Fahrer, der etwas Gutes für seine Gesundheit tut, indem er Wein, Schnaps, Bier trinkt, und dann mit seinem Auto einen Unschuldigen überfährt.
Also was meinen diese englischen Wissenschaftler damit bloß?
Sehr wahrscheinlich, dass sie da selbst zu tief ins Glas geschaut haben.