"Ich sollte wohl mehr stöhnen"
15.12.2010
Jugendliche wissen heute ziemlich genau, was ein Porno ist, stellen gleichzeitig aber Fragen wie: Woran merke ich, dass mich jemand liebt? Die Mitarbeiter/innen von Young+Direct sind seit vielen Jahren mit ihren Workshops in Schulen und Jugendzentren unterwegs. Wenn sie die Jugendlichen fragen, was ihnen zum Thema Sexualität einfällt, reichen die Stichworte von Knutschen bis Orgasmus, immer öfter hören sie aber auch Begriffe wie Sadomaso, Vergewaltigung oder eben Porno. Durch die Offenherzigkeit der Medien, für die nichts mehr tabu ist, haben die Jugendlichen bereits vieles gesehen, und sie fühlen sich informiert – zumindest theoretisch.
Denn wenn' s um die Praxis geht, um den ersten realen Kuss oder den ersten Geschlechtsverkehr, dann wird' s schwierig. Der Kopf ist zubetoniert mit Hochglanzbildern aus unzähligen TV-Serien, ob es nun um perfekte Kuss- oder Bettszenen geht oder um Highschool-Mädchen, die anscheinend immer bereit sind für Sex. Dazu kommt der - vor allem bei Buben verbreitete - Konsum von Pornos, der ebenfalls zu unrealistischen Vorstellungen und Erwartungen in der Sexualität führt.
„Muss ich das auch so machen, muss ich auch so funktionieren?", "Warum ist es bei uns so viel schwieriger, wie es da aussieht?", "Warum tut es bei mir weh?"... Solche Fragen beschäftigen die Jugendlichen dann, wenn sie ihre ersten sexuellen Erfahrungen machen. Wobei diese Fragen und Unsicherheiten berechtigt und normal sind. Unnormal sind nur die Bilder von Sexualität, die von den Medien präsentiert werden.
Sexualität wird langsam erlernt.
Eine gewisse Unbeholfenheit gehört anfangs nämlich dazu. Sexualität muss man entdecken, jede und jeder auf ihre/seine eigene Weise und im eigenen Tempo. Eigentlich könnte man die ersten unbeholfenen Erfahrungen ja auch bewusst genießen. Stattdessen werden sie oft zum Stress, weil man sich selbst aus lauter Unsicherheit mit vielen Fragen den Spaß verdirbt: „Muss ich sofort wieder können?“, „Ich sollte wohl mehr stöhnen“ oder "Stimmt was mit mir nicht, weil ich beim ersten Mal keinen Orgasmus hatte?", "Verlässt mich mein Freund, wenn ich keinen Oralverkehr will?". Es herrscht große Verunsicherung. Sehr viele Jugendliche befürchten, im Bett nicht potent, leidenschaftlich oder schön genug zu sein.
Nachdem Jugendliche über TV und Internet schon alle Details über Sex erfahren haben, bevor sie selber schon mal geküsst haben, fällt es ihnen schwer, den eigenen Gefühlen zu vertrauen. Der Leistungsdruck ist enorm, für die spielerischen Seiten der ersten Liebe, fürs Herumexperimentieren und langsame Entdecken ist kein Platz mehr. Die Bilder, egal ob aus einer Soap, aus einem Hollywood- oder einem Pornofilm, drängen sich dazwischen.
Da Jugendliche kaum mit ihren Eltern oder Erwachsenen, sondern vor allem mit gleichaltrigen Freunden über Sexualität reden, erfahren sie nicht, dass diese verbreiteten Bilder von Sexualität nicht der Realität entsprechen, sondern vor allem eines sind: Mediengeschäft.
Wenn Jugendliche das wissen und auch darüber reden, dann können sie ihre Sexualität vielleicht wieder gelassener und mit mehr Freude erleben.