Familie - (k)ein sicherer Ort
25.08.2008
Viele Mädchen und Jungen sind von sexueller Gewalt betroffen. Nur einem Teil von ihnen gelingt es, mit jemandem darüber zu reden. Dass das so schwierig ist, hängt unter anderem damit zusammen, dass die Täter oft aus der Familie und aus dem nahen Verwandtschaftskreis kommen. Sexuelle Gewalt - speziell in der eigenen Familie - gelangt auch in Südtirol immer häufiger über die Medien an die Öffentlichkeit und rückt somit stärker in unser Bewusstsein. Wenn wir davon hören oder lesen, läuft den meisten von uns kalter Schauer über den Rücken und löst Unverständnis, Betroffenheit und Ohnmacht aus. Doch wann spricht man von sexueller Gewalt?
Sexuelle Gewalt beginnt dort, wo Menschen gegen ihren Willen zu sexuellen Handlungen gezwungen werden und die eigene Schamgrenze verletzt wird. Aber auch rein verbale Angriffe oder Gesten sind Ausdruck von sexueller Gewalt.
Viele meinen, sexuelle Gewalt komme nur selten vor und wenn, dann geht sie von irgendwelchen unbekannten, krankhaften Triebtätern aus, die den Opfern irgendwo auflauern. Natürlich gibt es die auch, aber viel weniger häufig als man annehmen würde.
Der überwiegende Teil der Täter kommt aus dem Familien-, Verwandten- oder Bekanntenkreis des Opfers. Wenn Kindern und Jugendlichen von den eigenen Eltern sexuelle Gewalt angetan wird, dann ist das besonders traumatisch, weil das Bedürfnis und die Notwendigkeit nach Vertrauen, Sicherheit und Geborgenheit gerade den eigenen Eltern gegenüber am größten ist.
Zwischen Eltern und Kinder besteht eine enge, emotionale Beziehung, ein starkes Vertrauens- und Abhängigkeitsverhältnis. Jedes Kind liebt seine Eltern und geht davon aus, dass sie es auch lieben. So kann es sein, dass Kinder die sexuellen Übergriffe als eine Form der Zuwendung und über die Jahre als ein Stück „Normalität“ erleben.
Doch wenn ein Kind größer und langsam erwachsen wird versteht es, dass die sexuellen Übergriffe kein Stück Normalität sind sondern etwas Unerlaubtes und eine Straftat. Es ist aber für ein Sohn oder eine Tochter unheimlich schwierig, wenn nicht fast unmöglich, den Finger gegen einen engen Verwandten zu erheben und ihn anzuklagen. Oft schämen sich diese Opfer auch für ihre Eltern, fühlen sich mitschuldig und das macht es ihnen so schwer, mit ihrer leidvollen Geschichte nach außen zu gehen.
Auch denken viele, sie sind die einzigen, denen so etwas passiert und empfinden dadurch Scham und Hass auf sich selbst. Untersuchungen zeigen jedoch, dass jedes dritte bis vierte Mädchen und jeder siebte bis achte Junge im Laufe der Kindheit ein oder mehrere sexuelle Übergriffe erlebt hat.
Doch das Bedürfnis mit jemanden über die Hölle zu reden ist so groß wie die Angst, dass die Geschichte nach außen dringt. So finden einige Jugendlichen im Medium Internet durch E-Mail und Co. ein Mittel, um sich geschützt aussprechen zu können.
Jeder sexuelle Übergriff ist eine tiefe körperliche und seelische Demütigung für die Betroffenen und hinterlässt Spuren. Depressionen, Schlafstörungen, Ängste und psychosomatische Beschwerden sind nur einige der Folgen, unter denen Kinder und Jugendliche wegen der jahrelang erfahrenen sexuellen Gewalt häufig zu leiden haben.
Doch es gibt Hilfe und jeder Jugendliche hat die Chance aus der Missbrauchsspirale auszubrechen, damit das Leiden ein Ende nimmt. Das Ziel der Beratung ist es, Jugendlichen bewusst zu machen, dass ein anderes Leben möglich ist und sie zu motivieren, einen Weg einzuschlagen, damit sie bald das eigene Leben wieder selber gestalten können. Dabei unterstützt und begleitet unter anderem auch die Beratungsstelle Young+Direct.